REGIEKOMMENTAR

Als mir meine Freundin Çiğdem vor knapp fünf Jahren zum ersten Mal von ihren Plänen erzählte, in die Türkei auszuwandern, kam das zwar nicht aus heiterem Himmel, aber ich war dennoch überrascht. Sie pendelte bereits länger zwischen Berlin und Istanbul. Als ihr das Angebot ins Haus flatterte, als Projektleiterin in einem Call Center in Istanbul zu arbeiten, packte sie kurzerhand ihre Koffer. Mit 33 Jahren wagte sie einen Neuanfang. Von diesem Moment an begleitete ich Çiğdem bei ihrem Vorhaben. Durch sie kam ich mit der Offshore-Welt der Call Center in Istanbul in Berührung und war fasziniert von dem »Ersatzdeutschland«, das ich mitten in der Türkei vorfand.

Telefonate, Bestellungen, Reklamationen, unhöfliche Anrufer, Beschimpfungen, aber auch Flirts und Witzeleien im breitesten Dialekt – und das alles in deutscher Sprache – haben mich oft fast vergessen lassen, dass wir uns in der Türkei befinden. Gleichzeitig wurde das »Ersatzdeutschland« durch den Kontrast zur türkischen Welt „draußen“ umso stärker spürbar. Vor allem interessierte mich, wie sich die verschiedenen Welten berühren. Welche Konflikte von der einen Welt in die andere getragen werden und umgekehrt. Wie manifestiert sich ihr „Deutsch-Sein“ in ihrem Alltag in der Türkei?

Laut Statistik verlassen jährlich circa 40.000 Menschen türkischer Herkunft Deutschland. Während meiner wochenlangen Recherchen in den Call Centern lernte ich Menschen kennen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in der Türkei leben – aber oft nicht freiwillig. Die Biografien von Bülent, Fatoş und Murat stehen im krassen Gegensatz zur Globalisierung und der vermeintlich grenzenlosen Bewegungsfreiheit. Für Fatoş und Murat haben die Eltern vor mehr als 20 Jahren über ihren Kopf hinweg die Rückkehr in die Türkei entschieden; Bülent wurde vor fünf Jahren abgeschoben. Nur Çiğdem, die Center-Managerin, hat sich für Istanbul als ihre Wahlheimat entschieden.

Im Laufe eines Jahres, in dem wir immer wieder nach Istanbul kamen und gemeinsam Zeit verbrachten – mit und ohne Kamera – wurde das Bild immer differenzierter, aber auch komplexer; nicht zuletzt durch Çiğdems Geschichte. Der deutsche Pass bietet Çiğdem genau die Freiheiten, auf die die anderen so schmerzlich verzichten müssen, denn für sie ist eine Rückkehr nach Deutschland aufgrund von verjährten Fristen und Gesetzen unmöglich. Bereits ein Besuch in Deutschland ist mit endlosen zermürbenden bürokratischen Hürden verbunden. Mehrmals wurde Fatoş‘ Visaantrag für einen zweiwöchigen Urlaub in Deutschland abgelehnt. Eine Begründung gab es nicht. Erst auf mehrmaliges Nachfragen hieß es lapidar, die »Rückkehrbereitschaft« sei nicht hinreichend gesichert. Wie aber kann die »Rückkehrbereitschaft« einer Person ermittelt werden? Ausschlaggebend sind letztendlich die Vermögensverhältnisse der Antragstellerin und ob sie eine Festanstellung vorweisen kann.

Was heißt es, gegen seinen Willen an einem Ort leben zu müssen? Was bedeutet Heimat in diesem Zusammenhang? Mutet es nicht anachronistisch, absurd und grausam an, wenn Menschen, die über 20 Jahre ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland hatten, heute nicht einmal ein Visum erhalten, um ihre Familie zu besuchen? Und was sagt das über die deutsche Gesellschaft aus?

Die Einzelteile der Biografien von vier Menschen fügten sich wie ein Puzzle zusammen. Ich wurde mit Realitäten und Widersprüchen konfrontiert, die mich staunen ließen. Die Praxis der Willkür und Verantwortungslosigkeit deutscher Behörden im Umgang mit Visa, Grenzen, Zugehörigkeiten und den Lebensverläufen von Menschen, die damit verbunden sind, lassen oft Ratlosigkeit zurück – wäre da nicht auch die Entschlossenheit der Protagonistinnen, die sich trotz aller Rückschläge nicht entmutigen lassen.

Martina Priessner